Die Macht der Verzögerung

Shownotes

Wie schnell reagierst du, wenn du unter Druck gerätst?

Wir erklären uns, rechtfertigen uns, machen Zugeständnisse oder antworten, bevor wir überhaupt wissen, was wir eigentlich sagen wollen.

Im Theater gibt es dafür ein interessantes Gegenprinzip: das Retardieren. Eine erwartete Reaktion wird bewusst verzögert - und genau dadurch entsteht Spannung.

In dieser Folge geht es darum, was wir davon für Gespräche, Konflikte und Verhandlungen lernen können. Um Hoch- und Tiefstatus, Mimik und Gestik, das Aushalten von Stille und um ein erstaunlich wirksames Wort in Verhandlungen: “schwierig”.

Denn Souveränität zeigt sich vielleicht nicht nur darin, dass wir wissen, was wir sagen wollen. Sondern auch darin, dass wir selbst entscheiden, wann wir es sagen.

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00:00:01: Ja, hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Klarheit statt Coaching.

00:00:06: Ich möchte heute mit euch über etwas sprechen das ich natürlich wieder ursprünglich aus dem Theater kenne und dass mir aber häufig begegnet und zwar in anderen Zusammenhängen werde ich gleich erläutern.

00:00:16: der Begriff heißt retardieren.

00:00:21: Das klingt jetzt erstmal wieder ein bisschen komisch, ja?

00:00:24: Rettat.

00:00:25: Da kommt's hier vielleicht... Kennt ihr das von Tabletten?

00:00:28: habt ihr schon mal gelesen?

00:00:30: Das sind die, die ihren Wirkstoff über einen langen Zeitraum abgeben sozusagen.

00:00:34: Also es heißt schon etwas verschleppen.

00:00:37: Im Theater bedeutet das, retardieren, vereinfacht gesagt etwas dass erwartet wird, also das Präsentier eines Textes, eines Programmieren des Textes Nicht sofort passiert, dass das jemand steuert ist nicht sofort passieren zu lassen.

00:00:55: Also eine Reaktion verzögern einen Bewegung verzögeren ein Satz und vor allem eine Auflösung.

00:01:02: Und was passiert da durch?

00:01:06: Etwas ganz interessantes.

00:01:07: es entsteht Spannung super Spannungen.

00:01:10: meiner Zeit im Schauspielhaus habe ich das bei vielen Schauspielenerinnen und Schauspiele erlebt.

00:01:15: die können das die lernen das auch irgendwie auf der schauspielschule wie man das einsetzt Dieses Stilmittel.

00:01:22: Und eine Ikone dieses Stilmittels ist Ilse Ritter, das dem mal googeln.

00:01:28: Ganz eindrucksvolle Frau die immer noch Theater spielt und eine so großartige Schauspielerin dass ihr sogar eigene Stücke geschrieben worden seid.

00:01:40: Ritter Dene Fost zum Beispiel also ihr Name auf dem Stück Titel Und bei ihr hatte man immer das Gefühl, dass sie das einen Moment so lange stehen lassen kann.

00:01:51: Dass man als Zuschauer irgendwann schon nicht mehr ausgehalten hat und fast losbrillen wollte.

00:01:58: Sagt doch was jetzt macht auch was ja?

00:02:00: Dann passiert es immer noch nicht oder dann hat sie's immer noch gehalten.

00:02:04: Das bekam dadurch natürlich alles ein besonderes Gewicht.

00:02:09: Alles was sie danach gesagt hat.

00:02:11: Und selbst wenn es wirklich nur ein Satz war Und ich habe mich auch erinnert, dass das natürlich manchmal dann auch bis an die Grenzen getrieben wurde und deswegen eine ganz wichtige Einschreckung in dieser Stelle retardieren heißt nicht einfach langsam sein.

00:02:27: Das ist langsam sein.

00:02:28: nur langsam sein ist langweilig.

00:02:31: Es muss aufgewertet werden angefüllt werden durch Spannung die Aufrechte halten wird.

00:02:36: wenn ich alles nur verzögere dann verzöge ich irgendwann gar nichts mehr, weil nichts mehr da ist.

00:02:43: Mit dieser Retardierung funktioniert muss vorher eine Erwartung entstanden sein und irgendwann habe ich darüber nachgedacht was davon eigentlich außerhalb des Theaters passt und schlüssig ist oder wo es ein begegnet und wie wenig wir uns davon eigentlich erlauben.

00:03:05: im Alltag So, weil wir in einer Zeit leben oder vielleicht war die Zeit auch schon immer so.

00:03:11: Der Mensch ist vielleicht von der Grundeinstellung immer so dass er schnell reagieren will und das wird unter Druck geraten Ganz schnell.

00:03:22: Und dann machen wir das Gegenteil von dem Retterdieren, weil uns das eben nicht erkannt wird noch schneller.

00:03:27: Jemand kritisiert uns, wir rechtfertigen uns, jemand stellt eine Forderung, wir reagieren sofort, jemand stellt uns eine unangenehme Frage und wir beginnen sofort zu erklären.

00:03:38: Im Streit sagt man ja öfter etwas Verletzendes und unser Gegenschlag kommt noch bevor überhaupt darüber nachgedacht worden ist von uns.

00:03:47: Also wir wollen die Situation möglichst schnell auflösen.

00:03:54: Das ist genau der Fehler, denn das Retardieren findet nicht nur in der Sprache statt sondern das Spannende oder das Spannte sogar an dieser Pause.

00:04:04: und was in dieser Pause mit unserem Körper passiert.

00:04:09: Stellt jetzt für Menschen vor, die beide drei Sekunden lang nichts sagen!

00:04:13: Der eine schaut weg, lächelt verlegen zieht vielleicht ein bisschen die Schultern ein ja reuspert sich dann also naja ich weiß nicht.

00:04:20: und der andere bleibt ruhig und schaut sein Gegenüber ganz ruhig an.

00:04:25: Nicht aggressiv!

00:04:27: Nicht dieses künstliche Anstarren wo sie so die Augen so verengen und mit dem er demonstrieren will Ich bin jetzt aber echt zu verrehen sondern man hält einfach den Blick aus.

00:04:39: Das kann man zum Beispiel, wenn es einem schwerfällt.

00:04:42: Es kann man gut üben einfach mit Freund oder einer Freundin indem man den anderen anschaut und ja erstmal versucht nicht zu lachen weil das lachen ist natürlich auch so eine Ausweichbewegung sondern einfach innerlich sich vorzusprechen was man sieht ein mittelalten Mann mit Schnurrbad und braugrauen Haaren.

00:05:07: er hat einen langes Kinn.

00:05:10: Das reicht schon für ein paar Sekunden.

00:05:12: trägt das, also sich das vorsagen, es dauert länger als man denkt.

00:05:19: Aber die Situation von außen ist eben ganz anders und hat viel wieder mit Hoch- und Tiefstatus zu tun.

00:05:38: Denn wenn wir uns unter Druck gesetzt fühlen, dann passiert ja körperlich etwas, was wir überhaupt... Passiert etwas bevor wir überhaupt drüber nachdenken können.

00:05:49: Also das ist ein Reflex!

00:05:51: Wir werden zum Beispiel kleiner oder wir lächeln obwohl es überhaupt nicht lustig ist.

00:05:57: Wir nicken und reden schneller.

00:05:58: Wir erklären uns.

00:06:00: Wir versuchen die Situation irgendwie wieder angenehm zu machen.

00:06:03: Darauf sind wir Menschen konditioniert.

00:06:06: Wir wollen das Unangenehme beseitigen ganz schnell, als wenn uns da etwas runtergefallen wäre was gleich anfängt zu stinken.

00:06:15: und genau da aber finde ich das Ritterdien genau richtig und ich meine es jetzt nicht als Trick.

00:06:20: Es klingt so ein bisschen wie ein Trick Aber es ist halt die Unterbrechung dieses Automatismus.

00:06:27: Ich antworte noch nicht.

00:06:31: Ich bleibe einfach mal sitzen Tief durch.

00:06:36: Nicht so, dass ich voratme sondern einfach versuche ruhig zu atmen.

00:06:44: Ich halte den Blick aus und vielleicht beobachte ich sogar was man gegenüber jetzt macht Denn es gibt ja gar keinen Grund warum ich immer derjenige sein muss Der die Spannung auflöscht.

00:06:59: Und an dieser Stelle gibt es eine weitere Technik Die ich unglaublich interessant finde.

00:07:07: Vielleicht habt ihr schon von Matthias Schranler gehört, der Verhandlungsparbs überhaupt.

00:07:13: Er hat jetzt auch gerade ein neues Buch geschrieben, ist gerade erschienen und tingelt damit so durch Talkshows usw.. Da Hotel Matze gibt es eine sehr gute Folge mit ihm sollte ich euch unbedingt anhören.

00:07:27: Ein Kniff den er anwendet in dieser Stelle kann sein dass man in so einer Situation wenn man in So eine Lage gebracht wird nicht ja nicht nein sondern schwierig und dann aushält.

00:07:43: Mehr nicht, ja?

00:07:44: Stell dir vor zum Beispiel du hast ein Gehaltsgespräch und du hast dir vorher überlegt ich möchte fünfhundert Euro mehr im Monat und du sagst das.

00:07:54: Und dein Chef antwortet, wow, fünfhundert Euro sind ausgeschlossen!

00:07:58: Ich kann dir zweihundert anbieten.

00:08:02: Jetzt beginnt der interessante Moment.

00:08:05: Nicht die Frage was ist mein nächstes Argument sondern was mache mit diesen zwei oder drei Sekunden.

00:08:12: Und viele würden von uns wahrscheinlich sofort anfangen zu reden, naja gut vielleicht können wir uns bei dreieinhalb Fünfzig treffen.

00:08:21: und dann ist schon was ganz Interessantes passiert nämlich innerhalb von wenigen Sekunden hat man sich denn die eigene Forderung um Hundertfünfzig Euro reduziert und mein Gegenüber also meinen Chef musste dafür überhaupt gar nichts machen.

00:08:35: der muss einfach nur da sein und sagen ne geht nicht.

00:08:42: Es ist etwas passiert, was Schranne auch beschreibt.

00:08:44: Man hat angefangen gegen sich selber zu verhandeln.

00:08:47: Man könnte auch einfach sagen schwierig und dann wartet man ab.

00:08:54: Und dann ist es wieder fast theatral.

00:08:56: ja da passiert was im Raum.

00:08:59: Wer hält diese Pause aus?

00:09:00: Wer schaut zuerst weg?

00:09:02: Wer beginnt zu erklären?

00:09:04: Wer macht die nächste Bewegung?

00:09:05: vielleicht sagt der Chef Naja also ein bisschen Spielraum hätten wir vielleicht noch.

00:09:11: Ähm, du könntest ein Dienstwagen dafür bekommen oder sowas.

00:09:14: Ein Hundertfünfzig-Juhten-Dienstwagen.

00:09:18: Vielleicht erklärt er plötzlich ausführlich warum fünfhundert Euro angeblich nicht möglich sind?

00:09:23: Das kann ja auch wirklich die reale Gründe haben!

00:09:26: Vielleicht fragt er auch wo müssen wir denn dann damit du zufrieden bist und nicht kündigst?

00:09:32: Vielleicht passiert doch erstmal gar nichts.

00:09:35: aber Du hast dann etwas Entscheidendes nicht gemacht was nicht reflexartig deine eigene Position verschlechtert.

00:09:45: Und vielleicht hast du sogar eben mehr Informationen bekommen, nicht weil du das beste Argument hattest sondern weil du nicht sofort reagiert hast.

00:09:56: Das ist für mich retardieren und natürlich hat es etwas vom Pokern ja aber nicht im Sinne von Bluffen sondern im Sinne dass nicht jede Information die ich habe so fort preisgegeben werden muss.

00:10:10: gegenüber muss nicht sofort wissen wie nervös ich gerade bin oder dass ich das, was wir da gerade tun eigentlich gar nicht mag.

00:10:19: Oder schlimm finde sogar bedrohlich finde.

00:10:22: Er muss nicht sofort wissen, wie dringend ich diese Einigung brauche.

00:10:26: auch und vor allem muss sich die Spannung nicht auflösen nur weil sie mir unengenehm wird.

00:10:33: Das finde ich in dem Zusammenhang mit dem Status eben besonders interessant.

00:10:38: Hochstatus heißt nicht Ich gewinne diese Verhandlung Und hochstatus heisst auch Nicht Dass ich mich besonders groß mache.

00:10:46: Vielleicht bedeutet Hochstatus in diesem Moment einfach, ich halte aus dass man nicht klar ist wie diese Situation ausgeht.

00:10:55: Ich glaube das ist sogar das allerwichtigste.

00:11:00: und retardieren is auch nicht automatisch hochstatus.

00:11:03: ja wenn ich schweige weil ich eingeschüchtert bin und keine Ahnung habe was ich sagen soll kann genau dasselbe schweigen ja sogar tiefstatus sein.

00:11:10: von außen sieht man das innerhalb von Sekunden aber innerlich passiert etwas völlig anderes Und deshalb gefällt mir die Unterscheidung.

00:11:22: Aussetzen bedeutet, ich weiß nicht weiter wenn du einfach aussetzt Wenn du retardierst, bedeutet es Ich entscheide noch nicht weiterzugehen.

00:11:35: Das ist echt ein riesen Unterschied und plötzlich sind wir weit weg von nur einer Gehaltsverhandlung Denn das passiert ja überall.

00:11:45: Ein Kollege sagt etwas dass sich ärgert Da musst du nicht sofort darauf antworten.

00:11:51: Deinen Chef stellt dir eine Frage, auf die du gerade keine vernünftige Antwort hast, da kannst du sagen darüber muss ich hier erst nachdenken.

00:11:59: Dein Partner oder deine Partnerin macht dir einen Vorwurf?

00:12:02: Du musst nicht innerhalb der nächsten zwei Sekunden beweisen dass dieser Vorwurf ungerecht ist.

00:12:07: ja.

00:12:07: Jemand macht dir ein Angebot und erwartet sofort eine Entschade.

00:12:11: Und du kannst sagen na schwierig!

00:12:15: Oder das muss ich mir überlegen... Ich melde mich morgen dazu.

00:12:21: Das klingt total banal, weiß ich!

00:12:23: Aber mach es mal.

00:12:25: Beobachte dich mal selbst wenn du wirklich unter Druck gerätst.

00:12:28: Wie schwer es plötzlich ist genau das zu tun.

00:12:30: Wir reden und wir erklären, wir verteidigen uns, wir machen Zugeständnisse.

00:12:34: Wir sagen Dinge die wir zehn Minuten später gerne wieder einsammeln würden nur weil diese diesen einen Moment nicht ausgehalten haben.

00:12:44: Und vielleicht ist deshalb... Die eigentliche Fähigkeit hinter dem Retter dient gar nicht das Schweigen sondern das Aushalten.

00:12:51: Ich halte aus, dass eine Frage gerade unbeantwortet im Raum steht.

00:12:55: Ich haltaus, das mein Gegenüber nicht weiß was ich denke und ich haltau es, dass ein Konflikt für einen Moment ungelöst bleibt.

00:13:05: Und vielleicht halt die sogar aus, daß man gegenüber meine Pause als Unsicherheit interpretiert.

00:13:11: Denn wenn ich innerlich sicher bin muss ich nicht permanent nach außen beweisen, Darin liegt die Verbindung zwischen Theater, Verhandlung, Alltag.

00:13:22: Auf der Bühne entsteht Spannung weil etwas erwartet ist nicht sofort passiert.

00:13:26: in der Verhandlungen entsteht Handlungsspielraum weil ich auf eine Forderung nicht reflexartig mit einem neuen Angebot antworte und im Alltag entsteht Souveränität weil zwischen dem was mir begegnet und meiner Reaktion wieder etwas Platz entsteht.

00:13:43: natürlich kann man das auch übertreiben.

00:13:46: Wenn dich jemand fragt ob mein Kaffee möchtest, musst du die zwanzig Sekunden auf dem Fenster schauen um deine Hochstatus zu demonstrieren und dann schwierig sagen.

00:13:56: Kannst aber auch mal ausprobieren halten nicht alle Filmspinner.

00:14:03: Retardieren ist kein Selbstzweck Und es ist auch keine Methode um möglichst langsam durchs Leben zu gehen.

00:14:09: Es geht um Wahlfreiheit.

00:14:12: Ich kann sofort reagieren Aber ich muss nicht kann sofort antworten, aber ich darf auch erst einmal nachdenken.

00:14:19: Ich kann sofort erklären rechtfertigen oder ein Gegner wo man.

00:14:22: aber ich kann den Moment auch stehen lassen und vielleicht zeigt sich Souveränität deshalb nicht nur daran dass ich weiß was ich sagen will sondern auch darin das ich selbst entscheide wann ich es sage?

00:14:37: Vielleicht probierst du's einfach mal aus beim nächsten Gespräch in dem du merkst ist unter Druck gerätzt.

00:14:43: nicht sofort antworten nicht sofort erklären Nicht sofort lösen.

00:14:49: Vielleicht einmal atmen, den anderen anschauen und aushalten?

00:14:53: Das ist für einen kurzen Moment einfach nur schwierig erst.

00:14:58: Schwierig!

00:15:00: Ja das war Klarheit statt Coaching bis zum nächsten Mal.

00:15:04: Tschüss.

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